Lipstick and Laptop

by Liz

Wie ihr wisst, arbeite ich in einer öffentlichen Verwaltung. Leider ist auch hier die Zahl der weiblichen Führungskräfte nicht sonderlich hoch – eher sogar mau. Die Führungsriege im Beamtentum besteht im Grunde ausschließlich aus Männern. Es gibt nur sehr wenige Dezernentinnen, Amtsleiterinnen und Abteilungsleiterinnen. Umso mehr habe ich mich gefreut, als Anfang des Jahres eine Frau ins Team der Verwaltungsspitze kam. Sie trat von Anfang an sehr souverän auf, brachte ein enormes Fachwissen mit, wirkte sehr kompetent, hatte Witz, Humor und war trotz ihrer eher burschikosen Art doch irgendwie sehr weiblich und sie war mir sehr sympathisch. Ich beobachtete sie eine Weile, wollte sehen, wie sie sich in der Männerdomäne schlägt, herausfinden, ob sie neuen Wind in die alten Wände bringen konnte. Ich war überrascht, wie offen, ehrlich und direkt sie war – egal wer da am Tisch saß. Das war irgendwie erfrischend, anders, brachte Schwung rein. Da ich mich schon länger nach einer Mentorin, einem weiblichen Führungsvorbild sehnte, sprach ich sie ganz direkt darauf an. Sie war überrascht, fühlte sich aber auch irgendwie geschmeichelt, dass ich sie auserkoren hatte und wir verabredeten uns regelmäßig zum Mittagessen, um uns auszutauschen.

Zu Beginn schätzte ich diese Treffen sehr – zum einen erfuhr ich viel Bestätigung, ihr Feedback war positiv und gab mir Mut, genau so weiter zu machen; zum anderen wurde mir bewusst, dass ihre manchmal sehr provokante Art, die Sticheleien und kleinen Witze in Meetings sehr wohl überlegt und berechnet waren. Als Frau habe man so viele Einflussmöglichkeiten, den Überraschungsmoment müsse man nutzen, die Kollegen manchmal überrumpeln und dann mit einem Lächeln wieder besänftigen. Ganz klar, diese Frau weiß, wie man die weiblichen Stärken gezielt einsetzt. Es ist alles ein Spiel – man muss auch mal vermeintliche Grenzen überschreiten, um zu sehen, wie weit man wirklich gehen kann. Die Treffen motivierten mich und sie stand mir immer wieder mit Rat und Tat zur Seite.
Doch mit der Zeit veränderte sie sich. Sie verlor ihre Leichtigkeit, das Lächeln erstarrte zunehmend, ihre Sticheleien in Meetings wirkten sehr zynisch und oft zickig und ihre Witze hatten immer häufiger den Mantel der Beleidigung und Bloßstellung um. Mir gefiel dieser Wandel nicht, es stand ihr auch nicht sonderlich gut zu Gesicht. Ich hatte das Gefühl, dass auch ihr zunächst positives Standing im Haus nachließ.

Ich persönlich vermisste ihre anfängliche Unterstützung, hatte zunehmend den Eindruck, dass sie nicht mehr mit offenen Karten spielte. Es ging so weit, dass ich mich von ihr hintergangen fühlte, nachdem ich erfuhr, wie sie hinter meinem Rücken über eine von mir und meinem Team entwickelte Kampagne lästerte – diese Kampagne entwickelte sich im Übrigen zu einem absoluten Erfolgsrezept, und wie mir viel später erst bewusst wurde, sprach aus ihr der Neid, nachdem ihre eigene Kampagne (in anderer Sache) nicht annährend so erfolgreich war, wie die meine. Sie suchte nicht mehr den Austausch, Fachmeinungen waren ihr nicht mehr wichtig – weder meine, noch die der Kollegen aus anderen Abteilungen. Das anfängliche Miteinander, das ich so erfrischend, inspirierend und produktiv empfand, entwickelte sich mehr und mehr in einen egoistischen Alleingang, der geprägt war von Besserwissertum, Ignoranz und dem Hang zu kopflosen Schnellschüssen. Wurde man um Meinung gebeten, und viel diese konträr zur eigenen Vorstellung oder eben etwas kritischer aus, sprach sie von Boykott, Widerstand und beklagte sich bei der Führungsspitze. Sie zog es vor, ihre Themen und Ideen direkt mit der Verwaltungsspitze zu besprechen und durchzusetzen – egal ob sinnvoll, effizient und umsetzbar oder nicht.
So stellte ich mir meine Mentorin nicht vor! So werden wie sie, wollte ich auch nicht. Ich war für einen Momenten irritiert und nicht sicher, wie ich weiter machen sollte. Ich fühlte mich hintergangen und irgendwie auch alleine gelassen. Von ihr wollte ich doch unterstützt werden, von ihr wollte ich lernen, mit ihr hoffte ich etwas bewegen zu können…

Brauchen wir Mentorinnen oder Mentoren? Macht es Sinn, sich Führungsvorbilder zu suchen, oder sollte man sich selber irgendwie durchwurschteln und seine eigenen Erfahrungen machen?

Ich bin mir immer noch nicht ganz sicher, aber ich bin froh, dass ich in meinem privaten Umfeld erfolgreiche Frauen und Männer in Führungspositionen kenne, mit denen ich mich regelmäßig austauschen kann und die mir immer mit Rat und Tat zur Seite stehen – so wie ich ihnen. Die Jungs lachen oft, zeigen mir einen anderen Blickwinkel und klopfen mir auf die Schulter – Liz, Du machst das schon richtig, nimms auf die leichte Schulter, mach einfach weiter so! Und die Mädels geben mir hier und da einen Schubs, wenn ich mich wieder einmal zu sehr ärgere oder aufrege – diese emotionale Stütze ist Goldwert.

Wie seht ihr das?