Lipstick and Laptop

by Liz

Vor kurzem hatte ich wieder einmal einen dieser Aha-Momente. Ihr wisst schon, dieser Moment bei dem einem plötzlich ein Licht aufgeht, bei dem es „klick“ macht und die Dinge auf einmal einen Sinn ergeben.

Ich habe Euch doch kürzlich von meiner damaligen Chefin berichtet. Die, die es mir übel nahm, als ich kündigte um Pressesprecherin zu werden. An sie musste ich letztens denken, als ich ein interessantes Gespräch mit einem meiner Mitarbeiter hatte.
Mein Mitarbeiter ist Berufseinsteiger, er ist seit einem guten Jahr in meinem Team. Ich habe ihn direkt von der Uni eingestellt. Er ist in seinem Aufgabengebiet super, hat sich sehr schnell eingearbeitet und macht wirklich einen guten Job. Ich habe ihn von Beginn an aufgefordert, Verantwortung zu übernehmen und eigenständig zu arbeiten. Klar musste ich ihm hier und da Hilfestellung geben, das war zu erwarten. Aber ich merkte schnell, dass ich mich auf ihn verlassen konnte und er seine Arbeit mit viel Sorgfalt und immer verantwortungsvoll erledigte. Nachdem er knapp ein Jahr dabei war, ernannte ich ihn zu meinem Stellvertreter. Ich schickte ihn ab und an als meine Vertretung zu Terminen und übergab ihm wichtige Themen während meines Urlaubs.

Die Arbeit in der Pressestelle ist sehr arbeitsintensiv und vor allem muss es immer schnell gehen. Wir haben viele kurzfristige Aufgaben zu bewältigen und müssen sehr präzise arbeiten. Wer dem Druck nicht standhalten kann, wer sich nicht gut organisieren kann und nicht gelernt hat täglich aufs Neue zu priorisieren, der hat es sehr schwer bzw. kann im Grunde nicht lange bestehen. Es gehört schon eine große Portion Selbstbewusstsein und Sicherheit dazu, dem Druck Stand zu halten und nicht aufzugeben. Mir ist bewusst, dass Mitarbeiter mit wenig bis keiner Berufserfahrung daran zu knabbern haben. Genau deswegen unterstütze ich mein Team und stehe immer an ihrer Seite. Ich mache klare Ansagen und gebe oftmals die Prioritäten vor, anstatt meine Mitarbeiter schwimmen zu lassen. Auch besagtem Mitarbeiter muss ich hin und wieder unter die Arme greifen. In meinen Augen hat er noch einiges zu Lernen, aber auch großes Potential. Ich sehe es als meine Aufgabe an, ihn an diese Aufgaben heranzuführen, ihm zu zeigen, wie er es besser anpacken kann und ihn weiter zu entwickeln.

Es hat mich etwas stutzig gemacht, als er mir neulich eröffnete, dass er ein Vorstellungsgespräch für eine Stelle als Pressesprecher hat. Ich wusste für einen Moment gar nicht, wie ich reagieren sollte. Er, Pressesprecher? Er, auf meinem Level? Nach so kurzer Zeit und mit so wenig Berufserfahrung? Ich schluckte kurz, lächelte und wünschte ihm viel Erfolg bei dem Gespräch. Ich ergänzte, dass dies eine große Herausforderung und sicherlich auch eine reizvolle Chance für ihn sei. Er trat mir gegenüber sehr selbst sicher auf und ich erinnerte mich daran, wie ich damals vor meiner Chefin saß und ihr meine Kündigung überreichte. Hatte sie sich vielleicht so gefühlt wie ich mich heute? Gut, der Unterschied war, dass ich den Job in der Tasche hatte und meine Chefin sich eingestehen musste, dass ich wohl das Zeug zur Pressesprecherin habe. Mein Mitarbeiter denkt, er habe das Zeug dazu – den Job hat er noch nicht.

Es war eben einer dieser Aha-Momente. Ich konnte plötzlich verstehen, warum meine Chefin damals so komisch reagierte. Man selber hat lange und hart dafür gearbeitet, um eine solche Position zu erreichen. Dann investiert man Zeit, Geduld und Arbeit in junge Menschen, die nichts können und noch viel lernen müssen. Man freut sich über jeden Fortschritt, den sie machen und gönnt ihnen ihre kleinen und größeren Erfolge. Man ist stolz, wenn sie eines Tages loslaufen und Verantwortung übernehmen, den Job ohne Hilfe erledigen und sogar dazu beitragen, die Arbeit weiter zu entwickeln, zu optimieren etc. Ja, die Arbeit und die Mühe haben sich gelohnt – jetzt kann auch ich mich ein wenig zurücklehnen und ruhigen Gewissens meinen Mitarbeitern die Aufgaben übertragen, ohne immer ein Auge darauf haben zu müssen. Und dann werden sie übermütig und überschätzen sich und meinen, sie könnten meine Aufgaben übernehmen, als wäre es ja kein großes Ding, Pressesprecher zu sein. Was bilden die sich eigentlich ein? So einfach ist das alles nicht, sie können doch gar nicht einschätzen und sehen, was es bedeutet, zwischen den Fronten zu stehen, eine Abteilung zu leiten, die strategischen Weichen zu legen, die vielen Gespräche zu führen, Unterstützer und Befürworter zu finden, seine eigenen Mitarbeiter zu schützen und das Team zusammen zu halten usw.

Wow, so vieles ging mir in diesem Moment durch den Kopf. Und meiner damaligen Chefin wahrscheinlich auch. Ich kann verstehen, dass sie es damals nicht über die Lippen gebracht hat, mir viel Erfolg und Glück zu wünschen. Zwar war ich viele Jahre im Unternehmen und sehr erfolgreich in dem, was ich da tat. Auch war sie immer sehr zufrieden mit mir und ich genoss ihr vollstes Vertrauen. Doch muss es eben auch ein Schock gewesen sein zu hören, dass der eigene Zögling plötzlich flügge wird und jetzt selber Chefin einer Abteilung werden soll.

Mein Mitarbeiter hat nie wieder von dem Vorstellungsgespräch oder dem Job gesprochen. Er ist nach wie vor in meinem Team und macht einen guten Job. Ich bin durch die Geschichte sensibler geworden und habe registriert, dass es sein Ziel ist, einmal selbst Pressesprecher zu werden. Ich binde ihn seither noch mehr ein und lasse ihn Teil meiner Überlegungen und strategischen Visionen für die Abteilung werden. Ich schicke ihn demnächst auf eine Schulung und versuche ihm so viel ich kann mitzugeben, um ihn bestmöglich vorzubereiten, beim nächsten Mal den Job zu bekommen, auf den er sich bewirbt.