Lipstick and Laptop

By Helen

Meine Antwort an Max Goldt

Lieber Max Goldt,

was hast du doch für “schäne Täxste” geschrieben in der Vergangenheit. Die waren intelligent beobachtet, gut recherchiert und meisterlich umgesetzt. “Die Chefin verzichtet auf demonstratives frieren” gehört leider nicht dazu. Wenn ich in dieser Art unterhalten werden will – ich halte Commedy an dieser Stelle für einen zu weit gefassten Begriff für das Breittreten von platten Allgemeinplätzen auf übelstem Boulevard Niveau – dann gehe ich zu Mario Barth. Aber doch nicht zu Max Goldt. Ich möchte von Ihnen Skurriles, Beobachtungen, die ich unbewusst auch beobachtet habe und die nur durch Ihre Beschreibung in mein Beobachtungsbewusstsein gerückt werden, wo sie dann  gleich einem Samenkorn zu einem “Aha”-Effekt Pflänzchen oder gar zu einem “genau so isses” – Baum wachsen. Jetzt mal Hand aufs Herz: glauben Sie wirklich – und mit glauben meine ich in diesem Zusammenhang die Bestätigung der mathematischen Richtigkeit – an Ihre Aussage bez. des Leseverhaltens der Frauen? Also glauben Sie wirklich, dass die 80% Bücher, die Frauen kaufen nur oder überwiegend Schrott sind, während die 20% der Bücher, die Männer kaufen ausschließlich aus dem Pulitzer Dunstkreis entstammen? Das glaube ich rein mathematisch betrachtet nicht. Genausowenig, wie ich glaube, dass der Genuss von Fruchtjoghurts und Toffifee statistisch hauptsächlich auf das weibliche Geschlecht zurückführbar ist.
Kommen wir aber zu einem Thema, dass mir – mit Verlaub – besonders übel aufgestoßen ist. Jugendliche weibliche Hotelangestellt werden hier diffamiert und über den Kamm geschoren, den sie zu allem Überfluss, laut Ihnen, auch noch zu selten an ihrem Haupthaar benutzen. Es tut mir ja sehr Leid, dass Sie scheinbar auf Grund einer solchen jungen Dame in München nie zum Englischen Garten gefunden haben, aber ich kann ihre Beobachtung nicht bestätigen. Im Gegenteil, ich bin meist erstaunt, wie freundlich und hübsch hergerichtet, diese Rezeptionistinnen sind. Die sind für ihre 600 Euro Ausbildungsgehalt und morgens um 6 Uhr auf jeden Fall oft motivierter als Sie auf Ihrer Lesung – zumindest, bei der, auf der ich vergangene Woche war. Und ungepflegte Erscheinung als Massenphänomen bei jungen Frauen? Naja! Was denn nun Herr Goldt? Sind jetzt alle jungen Frauen Body-fixierte Top Model Oberflächen bereit für die Heidi Klum Projektion oder ist der Lack doch schon im jugendlichen Alter ab?
Bleibt noch die Kleiderfrage und die Raucherinnenfrage. Zur Kleiderfrage ist anzumerken, dass ich hier schon auch meine eigenen Beobachtungen bestätigt sehe, nämlich dass die ein oder andere Dame davon profitieren würde, die Schublade mit den Urlaubs T-Shirts für Ibiza sowie die obersten Knöpfe der Bluse im beruflichen Alltag geschlossen zu halten. Dennoch halte ich es für verfrüht aus dieser Privatmeinung heraus eine Petition bei der Kanzlerin sowie der Arbeitsministerin einzureichen, in der ich erklärte, dass statt Krippenplätzen zu schaffen und Frauenquoten zu fixieren, besser Gutscheine für Hugo Boss sowie Escada zu verteilen seien, um den Anteil weiblicher Führungskräfte zu erhöhen. Und zum Thema Raucherinnen vor Arztpraxen und Anwaltskanzleien habe ich eine Fragen an Sie Herr Goldt: Wo soll es denn karriere-technisch für diese Damen Ihrer Meinung nach hingehen? So weit ich informiert bin, gibt es das kostenloste Abendstudium “Medizin/Jura” noch nicht. Insofern lassen Sie sie doch einfach vor Kälte Herumtippeln und nach Kamelhaardecken heischen so viel sie wollen. Und suchen Sie sich wieder lohnenswertere Ziele für Ihre Beobachtungen. Wir brauchen hier wieder und weiterhin einen scharfsinnigen Max Goldt!

Beste Grüße,
Helen

by Helen

Ich war bei einer Lesung. Von Max Goldt. Folgendes ist dazu zu sagen:

Im Laufe diesen Jahres ist mir irgendwie untergekommen (wahrscheinlich beim Stöbern auf irgendwelchen Blogs), dass Max Goldt im Verruf steht. Also bei Hardliner Feministinnen. Max Goldt sei ja ein ganz Übler. “Naja” habe ich da gedacht, “also das verstehe ich jetzt nicht so ganz”. Man muss aber dazu sagen, dass mein relativ eingeschränktes Max-Goldt-Fantum auf einige tendenziell ältere Texte von ihm zurück ging, die mir hauptsächlich positiv durch äußerst skurril-abwegigen Humor aufgefallen waren. Mit anderen Worten ich distanzierte mich innerlich mit einem gewissen Unverständnis von der hardgelineten feministischen Meinung zu Max Goldt und mein Leben ging einfach weiter.
Und ich lies mich auch nicht davon abbringen, jetzt diese Lesung zu besuchen, bei der hauptsächlich Texte aus dem neuen Buch von Max Goldt “Die Chefin verzichtet” gelesen wurden. Der – ich kann nur annehmen – titelgebende Text des Buches “Die Chefin verzichtet auf demonstratives frieren” erinnerte mich schlagartig wieder an die feministische Meinung und ich hatte 23 Minuten lang (so lange dauert der Text gelesen durch Max Goldt) die Chance zu verstehen, dass da vielleicht doch was dran ist, dass man Max Goldt nicht gut finden muss.

Der Text reitet ausführlich auf folgenden Thesen herum:

- Frauen essen zwar weniger Fleisch (was ja gut für die Umwelt ist), aber diese Farbstoffe in Joghurts, die Frauen dafür immer essen, sind bestimmt auch nicht so toll
- Frauen kaufen zwar viel mehr Bücher als Männer, aber mehrheitlich schlechte, billige Schundromänchen, die es kaum wert sind, ein Buch genannt zu werden
- Junge Frauen haben ganz oft, ganz schlimm klingende Stimmen
- Wenn Frauen keine Karriere machen, dann ist daran nur folgendes Schuld: Sie ziehen sich nicht “richtig” an oder kauen in Meetings auf dem Kugelschreiber herum
- Junge Hotelangestellte (weiblich) sind ungebildet und ungepflegt und desinteressiert sowie haben Probleme mit der deutschen Grammatik
- Last but not least: Frauen, die frierend draußen rauchen sehen dämlich aus

Sagen wir es mal so: Während aber auch nach der Lesung, konnte ich einigen, wenn nicht allen dieser Thesen nicht unbedingt vorbehaltlos zustimmen. Daher gibt es morgen an dieser Stelle einen Antwort Text für Max Goldt.