Lipstick and Laptop

by Helen

Letzte Woche war ich ja auf Klausur. Für die Nichteingeweihten: Das bedeutet, wenn sich mind. zwei bis drei Mitarbeiter vom normalen Tagesgeschäft ausklinken, um sich mit besonderer Intensität einem oder mehreren Themen zu widmen. Meist an einem anderen Ort, als dem normalen Arbeitsort. Und meist widmet man sich anderen Themen, als dem normalen operativen Geschäft.
Irgendwie hatte ich gehofft, dass etwas total außergewöhnliches auf dieser Klausur passiert. Über das ich dann heute hier hätte schreiben können. Aber so wars leider nicht, es war einfach wie immer. Wie auf den gefühlt 263 Klausuren, auf denen ich vorher schon war. Aber das kann auch etwas Gutes sein. Denn die Klausuren, auf denen ich war, lassen sich in vier verschiedene Kategorien einteilen. Und manche davon sind richtig unangenehm.

Klausurtyp 1: Die Assessment Center-mäßige Klausur
Normalerweise werden hier neue Mitarbeiter oder Führungskräfte zusammen gepfercht, um zu schauen, wie sie so miteinander umgehen – so Softskill-mäßig. Wenn sie also in einem abgelegenen Hotel eine Reihe von stolpernden Mittdreissigern sehen, die mit verbundenen Augen durch die Gegend stolpern oder die versuchen zu fünft auf einem zusammengefallteten Stück Tageszeitung zu balancieren, dann sind diese Leute nicht verrückt, sondern High Potentials. Ich habe solche Veranstaltungen je nach Gruppenzusammensetzung bisher auf einer Skala von schrecklich nervtötend bis ganz unterhaltsam erlebt.

Klausurtyp 2: Die Arbeitsklausur
Die selben Deppen sitzen zu den selben Themen zusammen und diskutieren den selben Mist mit den ewig selben Argumenten. Aber sie sind in einem Hotel am Starnberger See und es gibt Kuchen in den Kaffeepausen. Ungefähr genauso wie normal arbeiten, nur das man hinterher ein Kilo mehr wiegt.

Klausurtyp 3: Die “Wir-haben-schon-so-lange-nicht-mehr-richtig-Zusammengesessen” Klausur
Die selben Deppen sitzen zusammen, obwohl die üblichen Themen und üblichen Diskussionen derzeit nicht für eine tagesfüllende Klausur ausreichen. Trotzdem rottet sich das Management in einem Hotel am Starnberger See zusammen. Die Kaffeepausen dauern länger, ab 16 Uhr werden You-Tube Videos am Beamer gezeigt. Langweilig bis Unterhaltsam und am Ende hat man 2 Kilo zugenommen.

Klausurtyp 4: Die Change Management Klausur
Diese Klausur wird einberufen, wenn eine große Veränderung ansteht. Zum Beispiel ein Merger oder eine große Umstrukturierung. Ich finde diese Klausuren immer zu tiefst unangenehm und das aus zwei Gründen: zum einen habe ich schon miterlebt, wie neben mir Existenzen zerstört wurden und das ohne jede Vorankündigung. So nach dem Motto: “Aber auf dem Organigramm bin ich ja gar nicht drauf.” So etwas vor der versammelten Mannschaft zu erfahren ist äusserst unangenhm. Und zum zweiten finde ich es wiederlich mit anzusehen, wie sich die Kollegen vor dem potentiellen neuen Chef wie Hunde auf den Rücken werfen. Pfui!

by Helen

Übers Wochenende war ich ja im schönen Hamburg unterwegs. Auf dem Hin- und Rückweg hatte ich daher mal wieder Zeit ein paar Zeitschriften durchzuschmökern. Schon bei meinem letzten Trip habe ich mich hier und hier so richtig breit über eine Zeitschrift, bzw. deren Unfug Inhalt ausgelassen.
Meine Lieben, ich glaube, dass kann eine Tradition werden. Ich wollte dieses Mal alles besser machen. Auf dem Hinflug verschmähte ich also tapfer alle Arten von Frauenzeitschriften und Griff zu einem Journal namens “business lounge” (Magazin für Wirtschaft & Lifestyle). Ein Titel, von dem ich mir Qualitätsjournalismus mit einem Hauch Unterhaltung versprach. Ein Artikel widmete sich dem – derzeit sehr beliebten – Thema “Frauen in Top Management Positionen”. Konkret wurden dabei mehrere dieser Damen in Deutschland vorgestellt. unter anderem Claudia Nemat (Vorstandsmitglied & Europachefin der Telekom). Gleichzeitig ist die Telekom ja eines der ersten Unternehmen, dass sich eine Selbstverpflichtung für die Förderung weiblicher Führungskräfte auf die Fahne geschrieben hat. Soweit so gut.

Aber was machen jetzt unsere Damen und Herren Redakteure der “business lounge” daraus? Ich zitiere: “Dass Claudia Nemats neue Funktion nicht allein der selbst auferlegten Frauenquote bei der Telekom geschuldet ist, beweist ein Blick auf ihren bisherigen Lebenslauf.” Liebe business lounge, wie darf ich das jetzt verstehen? Klar, sie ist natürlich hauptsächlich dort wegen der Quote, aber sie kann auch ihren Namen richtig schreiben, oder was? Die Frau hat theorethische Physik studiert (wozu wahrscheinlich nur 1 % der Deutschen intellektuell überhaupt in der Lage wäre). Frau Nemat hat dieses Fach nicht nur studiert sondern auch an der Uni Köln gelehrt. Ach ja und dann hat sie auch noch 17 Jahre (!) bei McKinsey gearbeitet. Sie wurde im Jahr 2000 dort sogar Partnerin. Und das zu einer Zeit, in der noch niemand das Unwort Frauenquote überhaupt kannte. Und sie war damals 32 Jahre alt (ein Alter in dem die meisten anderen Akademiker grad mal die ersten unsicheren Schrittchen in ihrem ersten Job machen). Also liebe Damen und Herren Redakteure der “business lounge”: Glaubt ihr wirklich, dass diese Person, die in ihrer bisherigen Vita alles besser und schneller gemacht hat, als alle anderen, irgendwelche Almosen in Sachen Förderung nötig hat? Ich bin mir sehr sicher, dass Frau Nemat ihre neue Funktion nicht nur “nicht allein der selbst auferlegten Frauenquote” zu verdanken hat, wie ihr es nennt, sondern ich gehe soweit zu behaupten, dass sie ihre Positionen überhaupt nichts zu verdanken hat, außer ihrem außergewöhnlichen Lebenslauf und ihrem Talent.

by Cloe

Frauen sind in manchen Bereichen, Branchen und Unternehmen einfach noch zu rar gesät, in Management Positionen und auch anderen Jobarten. Und genau aus diesem Grund muss ich für einige Männer einfach mal eine Lanze brechen: Wie zum Teufel sollen sie mit Frauen in Management-Positionen klar kommen, wenn sie bis dato dort noch kaum eine gesehen haben, geschweige denn eine Mehrheit? Das bedeutet z.T. schlicht Überforderung. Auch Männer begreifen schnell, dass Frauen nach den gängigen Spielregeln der Macht einfach nicht immer mitspielen möchten und können und z.T. anderen Idealen, Werten und Leistungszielen nachgehen, auch mal anders handeln. Männer reagieren oft je nach Erscheinungsbild, Alter und Persönlichkeit der Dame wiederum in unterschiedlichster Art und Weise. Sie handeln nach Mustern, die sie kennen (So wie Frauen überings auch ;) ), um ihre Unsichereheit zu überspielen. Ältere leben zum Teil Vaterinstinkte aus, viele lassen einen aus der ewigen „sexuellen-Check-Schleife“ (ja, es gibt sie wirklich) nicht raus, andere meiden einen wie die Pest und wiederum andere finden das alles wahnsinnig interessant und witzig. Für alle Parteien irgendwie nervig.
Hier ist irgendwie Chaos vorprogrammiert und leider keine stringente Vorgehensweise empfehlenswert. Toleranz, Toleranz und Toleranz würde ich gefolgt von „Cool-Bleiben“ in Schritt 1 für beide Seiten erst einmal empfehlen. Frustrierend und deprimierend ist jedoch der sog. Charly-Brown-Effekt (den hat sich die Redaktion nicht ausgedacht, den gibt es schon in der Literatur in vielen Ausprägungen…), der sich nur schlecht einordnen lässt und mit Toleranz auch schwer zu begegnen ist. Dieser ist mir selber passiert, als ich zu einer mit bis dahin unbekannter Person Projektergebnisse vorstellen sollte, wobei mir aber auch nicht bekannt war mit welchem Ziel und warum diese Person hier jetzt auch noch was zu sagen hat. Dies ist natürlich ein klassischer Projektmanagement-Fehler, das Ziel eines Meetings nicht zu kennen – ich dachte jedoch, dass ein Treffen zwischen nur zwei Menschen kein wirkliches Meeting sei und sich im 4-Augen-Gespräch alles ganz locker klären lässt. Bis zum Eintritt in dieses Büro des hochrangigen Top-Managers war ich noch entspannt, aber die aufkommende Spannung im Raum machte mir plötzlich Sorgen – etwas mit dem Projekt, mir oder irgendwas anderem läuft hier gerade gewaltig schief. Mein Gegenüber starrte mich an, Höflichkeiten wie Hand-geben war gerade noch drin, dann erfolgte nach einer langen Pause des Schweigens (die Stimmung war so gar nicht nach Small-Talk und lustigem Kennenlernen) sofort ein knallharter Schlagabtausch über Ergebnisse, Ressourcen, Budget und Zeitrestriktionen des Projektes. Gefühlt lebte ich ausschließlich in einer Rechtfertigungshaltung und mein Gegenüber zerriss mich buchstäblich in der Luft. Warum, weiß ich bis heute nicht. Ich ging eher verwirrt aus dem Raum. Nach ein paar Wochen zum gleichen Thema eine weitere Begegnung voller inhaltlichem Konsens, Harmonie und gemeinsam-an-einem-Strang-ziehen-Mentalität, begleitet mit dem Interesse mich Kennenzulernen, was mich umso mehr verwunderte.
Nun zum Charly-Brown-Effekt, der mir als Begründung recht plausibel erscheint (ich hoffe es zumindest ;) : Bei den Peanuts gibt es den kleinen Linus, der samt seiner Schnuffel-Decke in den Kindergarten kommt und dort auf ein Mädchen trifft, welches er wahnsinnig interessant durch ihre Andersartigkeit findet. Es verschlägt ihm aber die Sprache, er weiß einfach nicht wie er mit ihr umgehen soll. Er geht zu ihr und weiß einfach nicht, was er sagen soll und sie weiß auch nicht, was sie sagen soll – und „da hat er ihr dann einfach eine reingehaun“.

Auch das kann dann manchmal im Business passieren. Wissenschaften haben bewiesen, dass Intuitionen aus der Kindheit – auch mal das zu zerstören, was man augenscheinlich nicht haben und verstehen kann, in der Erwachsenenwelt durchaus vorzufinden ist. Mein Rat hier: Cool-Bleiben, die wenigsten Menschen haben die Absicht andere böswillig zu verletzen  – auch nicht im Business.