Lipstick and Laptop

by Cloe

Mein Kollege und ich haben eine konzeptionelle Niederlage hinnehmen müssen. Ja, einfach so müssen. Per Hierarchie-Kaskade. So sind nun mal die Spielregeln. Irgendwie stand sowieso alles unter einem schlechten Stern. Wir wussten, der CEO ist heute angespannt und maximal schlecht gelaunt. Welche Ursache ist unerheblich, ob er sich nun mit seiner Frau zuhause gestritten hat, das Business nicht so läuft oder persönlich einfach mal nicht mit sich oder der Welt zufrieden ist… Genau das haben wir abbekommen, glauben wir zumindest. Tagelang hatten wir uns vorbereitet, ein neues Kundenevent-Konzept erarbeitet.  Alle Management-Vorgaben umgesetzt: inklusive hochkarätige Gastredner, die perfekte Darstellung der Unternehmens-Expertise geplant und Roundtables, bei denen klassische Kundenprobleme in Ansätzen gelöst werden, vorbereitet. Kundenliste fertig, Budget minimal belastet. Doch es sollte nicht sein.

Schon beim Betreten des Meeting-Raumes zu unserem „Slot“ lag die gefühlte Wassertemperatur auf -1000 Grad. Der CEO sowie die Director und Principal-Ebene maximal angespannt. Auch mein gesamtes Portfolio an weiblichem Charme hat nix geholfen. Die Präsentation wurde zuende gehalten, der CEO hat währendessen und danach gar nichts gesagt (!), obwohl alles mit ihm abgesprochen und er es genauso wollte. Die Ebene der Director und Principale also maximal angestachelt, haben den Plan kurzerhand als zu teuer, zu aufwändig und inhaltlich schlecht ausgearbeitet bis unrealistisch umsetzbar abgestempelt. Völlig absurd und frustrierend für uns, denn das Konzept war keine Innovation, sondern Standard am Markt. Mein Tag war gelaufen. Heute rückblickend, kann ich sagen, dass dies eines der „Rettet-die-Schildkröten“-Tage war: denn eine Woche später war das selbe Konzept plötzlich hochgelobt, Best-Ever und wurde so mit leichten Adaptionen erfolgreich umgesetzt. Wie besprochen.

Warum wollen mein Kollege und ich nach solchen Tagen grundsätzlich aussteigen und eine Schildkröten-Farm aufmachen? Ganz einfach: Der oberste Boss ist schlecht gelaunt, gibt seine Laune mit dementsprechenden unfairen Verhaltensweisen an die Hierarchie darunter weiter, diese Manager/Innen quälen den nächsten Mitarbeiter, der Mitarbeiter geht nach Hause, lässt seinen Frust an seiner Ehefrau/ Ehemann aus, diese/r nervt die Kinder und die Kinder töten die Schildkröte. Deshalb arbeiten wir an solchen „Stress-Weitergabe-Tagen-per-Hierarchie“ an unserem Businessplan Schildkröten-Farm.

by Helen

In meinen Beobachtungen über die letzten Jahre hinweg, hat sich mir immer wieder folgender Verdacht bestätigt. Als Frau (je attraktiver und jünger du bist desto schlimmer) gilst du so lange als unfähig bis du das Gegenteil bewiesen hat. Ein Mann hingegen gilt erst einmal als fähig in seinem Job, solange er sich keine groben Schnitzer erlaubt.
Jedes Mal wenn man als Frau also eine neue Abteilung/Projektgruppe/Beifahrersitz-und-Kartenleser-Posten antritt, muss man sich beweisen, doppelt und dreifach. Das ist erstmal kein Problem – aber unheimlich anstrengend. Und natürlich nagt es am Selbstbewusstsein, jedes mal ein bisschen und man muss schon extrem Dickhäutig sein, um das immer und überall abprallen zu lassen.
Heute habe ich diesen Artikel aus dem Wall Street Journal gefunden, der diese (bisher erlebte aber wissenschaftlich unbestätigte) Theorie beschreibt. Hauptperson ist ein Wissenschaftler der Stanford University, der nach seiner Geschlechtsumwandlung von der Frau zum Mann beobachtet wie er schlagartig auf bessere Ressonanz seines Publikums stößt und dieses Phenomen dann wissenschaftlich untersucht hat.
Lesenswert!