Lipstick and Laptop

by Helen

Im Moment ist das Thema Arbeitszeit vs. Freizeit ja viel diskutiert. Ist Zeit, in der man zwar frei hat, aber trotzdem für das Unternehmen erreichbar ist Arbeitszeit? Wenn man abends vom Blackberry aus noch eine E-Mail tippt versaut einem das den Feierabend oder sorgt es dafür, dass man entspannter ist, weil man nichts unerledigt herumliegen lassen muss und am nächsten Tag dann dran denken muss? Dass diese Frage nicht pauschal zu beantworten ist, zeigt sich schon allein daran wie die Unternehmen damit umgehen. VW schaltet seinen Mitarbeitern sogar den Server ab, um sie in der Freizeit zum “frei haben” zu zwingen.

Jetzt könnte man natürlich sagen: Ich bin doch schon groß und auch sehr klug und kann selbst entscheiden, wenn das Telefon klingelt, ob ich dran gehen will oder nicht, bzw. ob ich abends noch eine E-Mail schreiben will oder nicht. Stimmt ja auch – im Prinzip. Aber wie das mit Prinzipien so ist: Jeder hat seine eigenen und nur weil man prinzipiell eines hat, heisst das noch lange nicht, dass man sich immer dran hält. (Im Prinzip brauche ich auch keine Schuhe mehr…anderes Thema).

Ich selbst bin in der Freizeitfrage von einem Extrem ins andere gefallen. Als ich in der Beratung gearbeitet habe, hatte ich quasi eine Standleitung zu meinem Chef, der mich ständig (und damit meine ich nahezu jeden Abend) zwischen acht und neun Uhr abends angerufen hat. Abendliche Treffen im Büro, Meetings, die auf 22 Uhr angesetzt wurden, am Wochenende “noch schnell was fertig machen”, inclusive. Und ich hatte sowas von keinen Bock mehr auf diesen Arbeitsstil. Zumal das allermeiste davon deshalb notwendig war, weil er sich selbst nicht organisieren konnte. Er verbrachte ganze Arbeitstage mit Tramezzini und Espressi beim Nobelitaliener neben seinem Büro, um dann abends irgendwann in die Gänge zu kommen. Auf Kosten meiner Freizeit. Ein schlechtes Gewissen hatte ich aber trotzdem nachdem ich nach ca. 2 Jahren Zusammenarbeit anfing, seine abendlichen Panikanrufe nicht mehr zu beantworten. Jetzt im Konzern habe ich Kollegen, die sich mit ihrer ständigen Erreichbarkeit brüsten (was aber in einer Firma mit einer geregelten Kernarbeitszeit schlicht und ergreifend nicht ntowendig ist). Ich gehe Abends nicht an mein Firmenhandy und nur meine eigenen Mitarbeiter und engsten Kollegen haben meine Privatnummer, auf der ich immer erreichbar bin (gewählt hat sie bis jetzt keiner). Ich lebe gut damit und trauere meinen around-the-clock Zeiten keine Träne nach. Ein schlechtes Gewissen habe ich weitestgehend auch nicht mehr. Bis letzte Woche. Ich habe vor Monaten meinen Sommerurlaub beantragt, drei Wochen im September. Das ganze über ein elektronisches System, das mein Chef per Knöpfchen bestätigen muss. Mein Stellvertreter ist im August drei Wochen weg, mir erschien es nur logisch, dass wir uns gegenseitig vertreten und nich gleichzeitig weg sind. Nun saß ich in einem Meeting mit meinem Chef und dessen Chef. Es wurde eine Präsentation besprochen, die zur Wiedervorlage noch einmal bearbeitet werden muss. “Bis nach unserem Urlaub” (beide sind jetzt drei Wochen weg). Ich gab daraufhin den Hinweis, dass dies dann aber in der letzten Augustwoche passieren muss, da ich danach drei Wochen weg bin. Um es kurz zu machen, mir wurde deutlich zu verstehen gegeben, dass es nicht positiv gesehen wird, im September (also nach der Schulferienzeit) drei Wochen Urlaub zu machen. Und schwups war es wieder da: das schlechte Gewissen. Und so oft ich mir den letzten Tagen vorgebetet habe: 1) Alle haben drei Wochen Urlaub, 2) Der Urlaub war beantragt, er hat ihn freigegeben, 3) Niemand hat dir vorher gesagt, dass du auf keinen Fall im September Urlaub machen darfst. Trotzdem habe ich jetzt ein schlechtes Gewissen und das dumpfe Gefühl irgendetwas falsch gemacht zu haben.

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