Lipstick and Laptop

by Liz

Meine damalige Chefin war für mich nicht nur Mentorin und Vorbild sondern auch Förderin und Unterstützerin. Von ihr habe ich viel gelernt, sie hat mich an die Hand genommen, mir aber auch Freiheit gelassen, mich auszuprobieren und weiter zu entwickeln. Wir hatte immer ein sehr gutes, vertrauensvolles Verhältnis, haben uns gegenseitig geschätzt und respektiert. Die Rollenverteilung war immer klar: sie war die Chefin, hat die Entscheidungen getroffen und den Ton angegeben; ich war ihre rechte Hand, habe alle Aufträge sorgfältig und gewissenhaft ausgeführt, mich jedoch immer sehr engagiert eingebracht und auch neue Ideen entwickelt. Wir waren ein erfolgreiches Gespann. Sie hat mir immer mehr Freiraum gelassen, damit ich mich entfalten konnte, und ich habe ihr stets den Rücken frei gehalten. Konkurrenz oder Neid gab es niemals. Auch wenn ich im Hintergrund die Fäden in der Hand hatte, Konzepte ausgearbeitet und Termine vorbereitet habe, war es für mich völlig in Ordnung, dass Sie die Repräsentation übernahm. Sie war die Chefin – wer sonst hätte gegenüber der Geschäftsführung oder externen Partnern auftreten sollen?

Mit den Jahren übernahm ich immer mehr Verantwortung, führte die Praktikanten und Werkstudenten im Team, vertrat meine Chefin während ihrer Abwesenheit bei wichtigen Terminen und gewann immer mehr Sicherheit und Selbstbewusstsein im Umgang mit externen Partnern und vor allem mit der Führungsriege des Unternehmens. Ich verantwortete einen komplexen Aufgabenbereich und wurde immer besser darin. Nachdem ich immer häufiger die Leitung zusätzlicher Projekte übernahm und diese erfolgreich zu Ende brachte, wuchs in mir leise aber bemerkbar der Wunsch nach einer beruflichen Weiterentwicklung und neuen Herausforderung. Wohin es gehen und wie diese neue Zukunft aussehen sollte, wusste ich nicht. Mir wurde immer bewusster, dass ich das Unternehmen verlassen musste, um mich weiter entwickeln zu können.

Eines Tages dann, war es soweit – ich hatte mich in einem komplexen Bewerbungsverfahren durchgesetzt und eröffnete meiner Chefin die guten Nachrichten: ich war die auserwählte neue Pressesprecherin einer Stadtverwaltung und sollte in Zukunft die Abteilung der Presse- und Öffentlichkeitsarbeit leiten. Als ich das Wort Kündigung aussprach, wurde sie ganz blass um die Nase. Leider verhielt sie sich so ganz anders als ich es erwartet hatte. Irgendwie konnte sie sich nicht für mich freuen. Anstatt mich zu unterstützen und mir motivierende Worte mit auf den Weg zu geben, sprach aus ihr der pure Neid. Aber nicht nur dass, sie ließ es sich nicht nehmen mir zu sagen, dass sie mich nicht als Führungspersönlichkeit sieht, sondern eher eine Expertenlaufbahn für mich im Sinn hatte. Sie äußerte sich abwertend über den Job und versuchte mir einzureden, dass es keine gute Idee sei. Sie sprach mir den Job richtig madig, ich hatte manchmal das Gefühl, als gönnte sie es mir einfach nicht. Vielleicht hatte sie einfach nicht damit gerechnet, dass ich bereits für den nächsten Schritt bereit war und die Karriereleiter durchaus erklimmen konnte. Vielleicht hatte sie gehofft, mich noch ein bisschen länger „klein halten“ zu können, um ihre Position weiter ausbauen und festigen zu können. Ich könnte die Liste der Spekulationen unendlich fortführen. Ich habe schlichtweg keine Ahnung, was die wahren Gründe für ihr Verhalten waren.

Die Tatsache, dass mich meine angebliche Mentorin in diesem wichtigen Moment nicht unterstützte, machte mich erst sehr traurig und dann wütend. Wie konnte es sein, dass sie mein Talent nicht erkannte? Warum konnte sie sich nicht für mich freuen? Wieso wollte sie nicht meinen Erfolg auch als den ihren sehen? Denn immerhin war sie es, die mich in den letzten Jahren an die Hand genommen hatte, von der ich so viel lernen durfte und die mich stets förderte. Wäre es ihr lieber gewesen, dass ich eines Tages an ihrem Stuhl gesägt hätte anstatt meinen eigenen Weg zu gehen? Ich suchte immer wieder das Gespräch in der Hoffnung, ihre Zustimmung und Unterstützung für mein Vorhaben zu erhalten. Leider vollkommen vergeblich. Meine Chefin schaffte es damals leider nicht, ihren Unmut, vielleicht auch Neid oder was auch immer es war, runter zu schlucken. Sie schien mir meine Kündigung übel, ja irgendwie sogar persönlich zu nehmen. Leider kann ich ihr Verhalten bis heute nicht richtig nachvollziehen. Aber wer weiß, vielleicht verstehe ich es ja eines Tages, wenn ich einen dieser „Aha-Momente“ habe. Von so einem Moment erzähle ich das nächste Mal. :-)

Die auf meine Kündigung folgenden letzten Monate im Unternehmen stellten sich als neue Herausforderung dar. Ich wurde von großen Projekten abgezogen, vom Informationsfluss teilweise ausgeschlossen, verlor den „rechte Hand“-Status und hatte das Gefühl, die jahrelang aufgebaute Vertrauensbasis mit meiner Chefin verloren zu haben. Das war eine harte Zeit für mich, die mir wirklich an die Nieren ging. Freunde beruhigten mich und meinten, dass sei immer so, wenn man kündige. Ich versuchte damit so gut wie möglich umzugehen, schloss meine Projekte so gut es ging ab, räumte meinen Schreibtisch auf, nahm ein paar Tage frei und bereitete mich auf den neuen Job vor.

Der Abschied war letztendlich sehr herzlich und rührend. Es flossen Tränen – auch bei meiner Chefin – und wir wechselten viele Worte der Anerkennung, Wertschätzung und des Respekts, die ehrlich und aufrichtig waren. Ich war glücklich und dankbar, einen friedvollen Abschluss zu finden und verließ letztendlich mit einem lachenden und einem weinenden Auge das Unternehmen, in dem ich meine ersten Schritte im Berufsleben ging, in dem ich alles lernte, was ich lernen musste um mit beiden Beinen fest im Berufsleben stehen zu können und mit dem ich mich so verbunden fühlte, als wäre es mein eigenes Unternehmen. Es war ein gutes, positives Gefühl und ich war bereit für meine neue Aufgabe und den neuen beruflichen Lebensabschnitt – als Führungskraft.

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