Lipstick and Laptop

Erfahrungsschätze aus mittlerweile 10 Jahren als Bewerber und 5 Jahren als “Ausfrager”/”Vorstellungsgesprächführer”/”Interviewer” (wie heisst eigentlich die Person, die das Vorstellungsgespräch auf der Firmenseite führt richtig?)

1) Signifikante Unklarheiten vorher klären
Es ist nicht verboten, insbesondere nicht, wenn man bereits zum Gespräch eingeladen wurde, telefonisch Unklarheiten zu beseitigen. D.h. wenn dir irgendetwas Organisatorisches (zum Beispiel Ort des Gesprächs, Parkmöglichkeiten, Uhrzeit, etc.) noch unklar ist, verlasse dich nicht auf dein Glück oder den Zufall, sondern wende dich nochmals an die Person, die den Gesprächstermin mit dir vereinbart hat. Gerade als Frau sollte man darauf achten nicht hektisch oder unsicher rüberzukommen. Wenn man aber vorher schon eine halbe Stunden einen Parkplatz gesucht hat, oder erfahren hat, dass man aus Versehen durch Unwissenheit schon eine Stunde zu spät ist, stößt sogar die nervenstärkste Lady an ihre Grenzen.

2) Klar: Bereite dich mental vor!
Und damit meine ich jetzt nicht, sich das Unternehmen genau anzuschauen (das ist selbstverständlich!). Sondern ich überlege mir voher ganz genau, was das Unternehmen sich von dieser Stelle verspricht. Ich versuche also mir die Ziele der Stelle an sich, als auch die Ziele der Besetzung genau zu überlegen. Gründe für die Besetzung können sehr Vielfältig sein: die Stellen wird vielleicht neu geschaffen, es wird vielleicht ein Nachfolger für einen Abgang gesucht oder eine temporäre Vertretung. Das klingt vielleicht unwichtig (hauptsache die Stelle ist frei, oder?) aber für das Unternehmen kann das unter Umständen einen großen Unterschied machen. Wenn zum Beispiel eine Stelle neu geschaffen wird, gibt es vielleicht noch keine Prozesse. Hier würde ich dann eher in den Vordergrundstellen, wie ich mit einer solchen Situation in der Vergangenheit umgegangen bin, wo ich Prozesse entwickelt und implementiert habe. Wird eine Nachfolge für einen Ausstieg in die Rente gesucht, würde ich eher hervorheben, wo ich bereits Erfahrungen damit gesammelt habe, mich schnell in komplexe Sachverhalten einzuarbeiten und das Vertrauen von Kollegen und Mitarbeitern schnell gewonnen habe.
Selbiges gilt welches Ziel mit der Stelle an sich verfolgt wird. Frage dich vorher welche Funktion genau die Stelle innterhalb und außerhalb des Unternehmens erfpllen soll und welche Aufgaben dadurch auf dich zukommen. Musst du als Vertriebsleiterin viele Kundentermine wahrnehmen? Oder eher komplexe Vertriebsstrukturen organisieren? Für beide Aufgaben sollte man unterschiedliche Schwerpunkte im Gespräch setzen.


3) Und schreib das Ganze vorher auf!

Auch sehr routinierter Frauen, stehen in einem Vorstellungsgespräch unter einem gewissen Druck. Und selbst wenn der positiv möglichste Fall eintritt, nämlich dass du dich überdurchschnittlich gut mit dem Ansprechpartner unterhälst – kann es dir dadurch passieren, dass du zu abgelenkt bist, um alle deine Fragen zu stellen sowie alles, was die Firma über dich wissen sollte loszuwerden. Daher solltest du dir vorher zum einen alles notieren, was du aus deiner Analyse bei Punkt 2 als für die Stelle relevant und erwähnenswert erkannt hast. Zum anderen solltest du alle Fragen aufschreiben, die du stellen willst. Und selbst wenn du nie etwas vergisst und dir alles auch so merken kannst, dann wirkt so eine schriftliche Vorbereitung auch noch zusätzlich professionell und engagiert – und das schadet auf jeden Fall nie.

4) Sei mental auf alles gefasst!
Ich gehe jetzt einfach mal davon aus, dass du perfekt alle Fragen zu deinem Lebenslauf beantworten kannst und in allen fachlichen Themen zu der jeweilingen Position eine kompetente Ansprechpartnerin bist. Lass dich daher nicht durch Unvorgesehenes aus der Bahn bringen und beschäftige dich vorab schon damit, wie du mit ungewöhnlicheren Fragen umgehst. Zum Beispiel folgendes:
Das Gespräch wird teilweise auf Englisch (oder in einer anderen für die Stelle relevanten Fremdsprache geführt)
Es werden sog. öffnenden Fragen gestellt (Ein Kollege hat eine Aufgabe zu spät bearbeitet. Sie sind in der Verantwortung und müssen das Thema morgen präsentieren. Wenn sie warten bis er fertig ist, schaffen sie das nicht mehr……etc. Wie verhalten Sie sich?)
Abschätzfragen (von mir auch gerne Beratungsfirmenfragen): Wie schwer ist Manhatten? Wie viele Bäume gibt es im Amazonasgebiet? Wieviel Prozent des Hausmülls in Deutschland machen Babywindeln aus?
Sie müssen ohne oder mit sehr kurzer Vorbereitung etwas Präsentieren (z.B. am Flipchart), zum Beispiel das Thema ihres letzten, großen Projekts
Behalte immer im Hinterkopf: Bei diesen Themen gibt es meistens kein richtig oder falsch. Der Gegenüber will nur abschätzen wie souverän, selbstsicher und strukturiert du mit unerwarteten Aufgaben umgehen kannst. Frauen tendieren in solchen Situationen leider manchmal unsicher, da sie immer alles richtig machen wollen. Kommt nicht sofort ein Lob vom potentiellen Chef (weil dieser sein Pokergesicht aufgesetzt hat) werden wir unsicher. Dies äussert sich dann in hektischen und zu schnellen Sprechen oder die Stimme wird höher und piepsig. Daher erstmal zwei oder dreimal ruhig Durchatmen und die Stimme kontrollieren. Falls man Zeit gewinnen muss kann man auch einfach die Fragestellung und die Prämissen, die man annimmt noch einmal wieder holen. D.h. “Die Frage bezieht sich also auf das Gewicht Manhattens. Manhatten ist eine Halbinsel, die voll bebaut ist. Daher ist für das Gewicht neben der Landmasse auch insbesonder die Dichte und Art der Bebauung wichtig,…..” so gewinnt man Zeit und Ruhe.


5) Halte Gesprächspausen aus!

Normalerweise erlebt man ein Vorstellungsgespräch sehr intensiv. Man ist angespannt und achtet auf jede kleine Regung des Gegenüber. Der Counterpart ist wahrscheinlich wesentlich weniger nervös (esseiedenn es ist sein erstes Gespräch als Interviewer – dann ist er vielleicht sogar nervöser als du). Für ihn ist das Gespräch in der Regel eine Routineaufgabe in seiner Agenda (insbesondere gilt das natürlich für Personaler). Daher ist er entspannt und während er einfach über die nächste Frage, die er noch stellen könnte nachdenkt, entsteht unter Umständen eine Pause. Widerstehe der Versuchung, Pausen durch “nachlegen” von unnötigen Informationen oder wiederholen von bereits gesagtem zu füllen. Manche Personaler setzen Pausen auch als bewusstes Mittel ein, um den Bewerber aus der Reserver zu locken. Nach dem Motto: Steht der Bewerber zu dem, was er gesagt hat, oder rudert er vielleicht zurück, wenn er sich unsicher fühlt. Nutze Pausen besser, um ein charmantes und souveränes Lächeln auszusetzen und einen Schluck aus dem Wasserglas zu nehmen.

6) Warnzeichen eine Stelle nicht anzunehmen
Diese Warnzeichen habe ich für mich identifiziert. Jede muss hier selbst entscheide, ob es solche Warnzeichen gibt. Die Entscheidung einen Job anzutreten oder nicht, ist meiner Meinung nach sehr wichtig. Daher sollte man sich nicht verleiten lassen, eine Stelle anzunehmen, bei der das Bauchgefühl nicht stimmt, oder eines der eigenen Warnzeichen auftaucht. Mür mich sind diese Warnzeichen folgende:
Der potentielle Chef ist einem unsympathisch oder man kann ihn aus irgendwelchen Gründen nicht persönlich kennenlernen
Es wird gezielt nach “einer Frau” für den Job gesucht – meist um irgendwelche Quoten, die das Unternehmen sich gesetzt hat zu erfüllen
Man ist die vierte oder fünfte Person, die sich innerhalb von wenigen Jahren an der Position versucht
Die Stelle wird neu geschaffen und es gibt noch in keinster Weise ein Ziel oder Konzept, was man sich von der Stelle verspricht
Wenn man zügig Karriere machen möchte, rate ich außerdem von Stellen ab, die sehr weiter von der Hierarchie (z.B. der Firmenzentrale) weg sind, außerdem ist es kritisch zu sehen, wenn es sich um eine kleine Tochterniederlassung eines ausländischen Mutterkonzerns handelt. Flache Hierarchien bringen zwar oft viel Verantwortung, aber eben wenig Positionen im Management mit sich. Wenn man weit weg vom “Topmanagement Geschehen” ist wird man schnell als kleiner Außenposten betrachtet und kann bei Beförderungen leicht übersehen werden. Nach dem Motto: Wer nicht täglich bei der Arbeit gesehen wird, weil am gleichen Standort wie der Chef, arbeitet auch nichts.


7) Verbindlicher Abschluss des Gesprächs

Kläre immer verbindlich ab, was die nächsten Schritte sind. Wann bekommst du eine Rückmeldung? Wie geht es im Bewerbungsprozess weiter? Gibt es noch irgendwelche Tests, Assessments, oder ähnliches, die du schon mal vorbereiten kannst, etc.) Versuche hier allerdings nicht direkt auf ein Feedback zu drängen (gerade Frauen suchen immer sofort die Bestätigung, dass sie “alles richtig beantwortet” haben). In vielen Unternehmen darf die Personalabteilung/der Fachbereich kein persönliches Feedback geben, bevor nicht alle Bewerber gesichtet wurden. Dies hat oft auch mit betriebsratlichen Bestimmungen zur Fairness für alle im Bewerbungsprozess zu tun. Daher wundere dich nicht, wenn du keine Reaktion direkt im oder nach dem Gespräch bekommst. Verabschiede dich freundlich und trete souverän den Heimweg an.

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