Lipstick and Laptop

by Helen

Jetzt ist sie also da die Frauenquote. Und mit ihr viel Geschrei. Meist kann ich darüber nur lachen. Zum Beispiel wenn nun argumentiert wird, dass die deutsche Wirtschaft durch die Frauenquote gefährdet würde. Ernsthaft? Glauben wir wirklich, dass 177 Frauen die gesamte deutsche Wirtschaft in den Abgrund stürzen können? Wenn dies so wäre, dann bräuchten wir die Frauenquote wahrscheinlich gar nicht…
Ich finde die Frauenquote natürlich selbst nicht „lupenrein“. Sie suggeriert, Frauen wären nicht kompetent genug, um aus eigener Kraft Führungspositionen zu erreichen. Und das wäre natürlich schlecht. Schlecht für die Unternehmen, weil dann nicht Kompetenz sondern Geschlecht über die Besetzung entscheiden würden. Schlecht für die Frauen, weil unterstellt wird, sie seien irgendwie förderungsbedürftig und daher nicht in der Lage, eine gewünschte Position aus eigenem Antrieb zu erreichen. Diese Argumentation springt allerdings viel zu kurz, denn diese Argumentation geht davon aus, dass heute Stellen in Unternehmen nach Kompetenz besetzt werden. Ich arbeite in einem Großkonzern. Und es gibt in meinem Umfeld nur genau eine Stelle, bei der ich das Gefühl habe, dass es tatsächlich darum geht, bei der Besetzung den besten Kandidaten auszuwählen. Und das ist die Einstiegsposition. Wenn man in meinem Großkonzern eingestellt werden will, wird man auf Herz und Nieren durchgeprüft, braucht bestimmte Notenabschlüsse und wird in einem Assessment von unabhängigen Beobachtern bewertet. Aber danach werden freie Stellen doch meist nicht nach objektiven Kriterien besetzt! Welche sollten das auch sein? In den wenigsten (akademischen) Berufen ist Leistung doch an klaren (quantitativen) Messgrößen bewertbar. Und selbst dort wo es quantitative Messgrößen gibt, unterliegt der Erfolg doch so großen Interdependenzen, dass man ihn sehr selten der Leistung von genau einer Person zuordnen könnte. Und damit verlässt man die Skala der Objektivität. Und Betritt eine gewisse Grauzone. Diese Grauzone ist bei manchen Besetzungen hellgrau und bei manchen dunkelgrau – aber ich erlebe es nie und bezweifele auch dass dies möglich ist – dass eine Stelle nach Kompetenz besetzt wird. Die Kompetenz ist ein Faktor, der sicherlich herangezogen wird. Niemand wird seinen Fußballkumpel besetzen, wenn dieser die Stelle nicht auch ausfüllen kann. Aber es ist ein absoluter Trugschluss zu glauben, dass gerade in Großkonzernen heute immer der beste Kandidat die Stelle bekommt. Und das führt mich zu meinem Lieblingsthema Statistik. Denn wenn dies so wäre – dann müsste sich die Geschlechterverteilung, die in einem Unternehmen vorhanden ist, ja irgendwann auf allen Führungsebenen einstellen. Denn statistisch betrachtet ist Kompetenz geschlechter-unabhängig verteilt. Was bedeutet, dass in einer Firma mit 30% Frauenanteil, auch 30% Frauen in Führungspositionen vertreten sein müssten, oder 28% oder 32% oder 27%… Aber so ist es nicht. In einem deutschen Großkonzern mit 30% Frauenanteil in der Gesamtbelegschaft, gibt es gerade mal 14% Frauen in Führungspositionen. Eine statistische Unregelmäßigkeit? Wohl kaum, da die Situation in allen Firmen in diesem Punkt in etwa ähnlich ist. Die Frauenquote ist sicherlich kein Instrument dafür die Ursache zu bekämpfen, nämlich dass generell Stellen nicht nach Kompetenz besetzt werden. Das wäre eigentlich der wichtigere Stellhebel. Würde nach Kompetenz besetzt, würde sich das Geschlechtergleichgewicht automatisch einstellen. Und natürlich löst die Quote auch nicht die Vereinbarkeit von Familie und Beruf, die in Deutschland gravierend hinterher hinkt.